Countenance (2002) by Fiona Tan

Countenance ist eine Videoinstallation von Fiona Tan bestehend aus einer Sammlung von statischen Videoporträts der Personen, auf welche die Künstlerin während ihres einjährigen Aufenthalts in Berlin getroffen ist. Das Projekt zeigt eine Momentaufnahme der Bevölkerung in der Stadt sowie dem wiedervereinigten Deutschland. Gleichzeitig kann die Arbeit als ein Selbstporträt Tans angesehen werden, da die abgebildeten Personen die sozialen Interaktionen der Künstlerin festhalten. In zwei Räumen wird über die gewählten Darstellungsformen der vorurteilsbehafteten Blick eines Reisenden und der eines aufgeklärten Anthropologen gezeigt.

Motivation und Haltung

Tan setzt sich in ihren Arbeiten mit der eigenen Selbstdarstellung sowie der Interpretation der Selbstdarstellung anderer auseinander. Die Videoinstallation ist dabei inspiriert von der Arbeit 'Menschen des 20. Jahrhunderts’ von August Sander’s. Dieser lichtete in einer Fotoserie von mehr als 600 Porträts die allgemein ersichtlichen Bevölkerungsgruppen nach Beruf und Gesellschaftsschicht in Deutschland ab. Fiona Tan übernahm die Grundstruktur der Einteilung, passte diese jedoch an ihr soziales Umfeld an.
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Aufnahmen aus ‘Menschen des 20. Jahrhunderts’
 
“Type, archetype, stereotype. An irrational desire for order; or at least for the illusion thereof. However I am constantly reminded that all my attempts at systematical order must be arbitrary, idiosyncratic and – quite simply – doomed to fail.” – Fiona Tan
Die Künstlerin selbst spricht in dem Audiokommentar der Videoinstallation darüber, dass zwar ein inneres Verlangen nach der Einordnung, Vereinfachung und damit auch Stereotypisierung besteht, diese aber zum Scheitern verurteilt sind. Tan spricht damit an, das Vorurteile und andere Einteilungen in den meisten Fällen falsch liegen und den Menschen dahinter nicht gerecht werden.

Aufgenommenes Material

Für die Arbeit wurden über 250 Videoporträts in schwarz-weiß von Einwohnern in Berlin aufgenommen. Jede Person würde möglichst zwei Mal aufgenommen, einmal im Halbporträt bei einem Aufeinandertreffen und ein zweites Mal im Vollporträt in einer von der Person selbst gewählten Umgebung, die ihre Profession widerspiegelt. Erstere Aufnahmen zeigen dabei die Sicht eines Reisenden in den Straßen und letztere die eines Anthropologen mit der Person im Kontext ihrer alltäglichen Arbeit.
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Halbportraits
 
Artist
Artist
Unemployed
Unemployed
Executive
Executive
 
Vollportraits
 

Verfahren der Visualisierung

Countenance besteht aus einer kleineren Projektion und drei großen Hauptprojektionen. Diese sind befinden sich in zwei unterschiedlichen Räumen.
Die kleinere Installation besitzt einen von der Decke hängenden Rückprojektionswand (60 x 44 cm), auf der Porträts der aufgenommenen Personen zu sehen sind. So erscheint es für die Betrachtenden nicht nur als schwebender Bilderrahmen mit wechselnden Porträts sondern auch als eine Art Portal, durch das ein Blick auf die Menschen in Berlin aus dem Jahr 2002 geworden kann.
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Installation Raum 1
 
Zu Beginn ist ein Selbstporträt Tans zu sehen in dem sie für etwa 30 Sekunden in die Kamera schaut. Danach folgen die Aufnahmen der Kopfpartien verschiedene Menschen, welche nur für wenige Sekunden zu sehen. Mit dem verschwinden des Selbstporträts der Künstlerin ist ein Audiokommentar dieser über die Lautsprecher zu hören. Sie liest Tagebucheinträge über 5 Minuten aus ihrem Jahr in Berlin vor.
Im zweiten Raum sind drei größere Rückprojektionswände (190 x 142 cm) nebeneinander aufgebaut. Zu Beginn wird eine Liste der Personen- und Berufsgruppen gezeigt, anschließend werden nach dem Zwischentitel jeweils mehrere Personen einer Gruppe abgebildet. Durch die Größe der Projektionswände sind die Personen etwa in Lebensgröße in einer statischen Pose vor den Betrachtenden. Da die Videos aller drei Projektionswände unterschiedliche lang dauern und in einer Schleife wiedergegeben werden, sind bei mehrfachem betrachten unterschiedliche Personen gleichzeitig sichtbar.
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Installation Raum 2
 
Quellen: